Eisige Kälte, verschlossene Türen und ein brennender Ring: Unser Blick auf die Kabayel-Gala in Oberhausen
Wo fängt man an und wo hört man auf nach einem Tag wie diesem? Der gestrige Box-Abend in Oberhausen war eine Achterbahnfahrt. Organisatorisch teils eine Katastrophe, sportlich und atmosphärisch am Ende jedoch ein Spektakel, das dem deutschen Boxen lange gefehlt hat.
Der Kaltstart: Organisatorisches Chaos
Der Tag begann eisig kalt. Trotz der Witterung kamen wir gut nach Oberhausen durch und der Parkplatz war schnell gefunden, doch dann begann das Ärgernis. Am Eingang zum Suiten-Bereich standen wir vor verschlossenen Türen, obwohl der Einlass längst hätte laufen müssen. Das Ergebnis: Wir verpassten den Walk-In und die erste Runde von Oronzo Birardi gegen Milosav Savic.
Das war mehr als ärgerlich. Unabhängig vom organisatorischen Versagen war es für uns völlig unverständlich, Oronzo als allerersten Kampf zu platzieren. Als einer der wenigen deutschen Boxer bei Queensberry, neben Kabayel, gehört er nicht in das Vorprogramm vor leeren Rängen, sondern in die Main Card oder zumindest in den mittleren Bereich. Dass wir seinen Sieg gefühlt nur noch halb mitbekommen haben, war wirklich sehr unglücklich. Gerüchte über ausgefallene Kämpfe machten die Runde, aber wir waren primär froh, als wir endlich in unserer Loge saßen, uns aufwärmen und etwas essen konnten. Vor allem war uns wichtig, dass Oronzo mit seinem Sieg in der Rangliste deutlich nach oben gestiegen ist.
Von Arbeitssiegen, Kirmesboxen und fallenden Schiedsrichtern
Sportlich ging es gemischt weiter. Daniel Dietz vs. Seun Salami war ein ehrlicher Arbeitssieg für keinen von beiden, nämlich ein Unentschieden nach einer Materialschlacht, bei der sich beide nichts vorzuwerfen hatten.
Danach folgte leider eine Durststrecke. Einige Fights fühlten sich offen gestanden eher nach „Kirmesboxen“ an, bis Jadier Herrera vs. Ricardo Nunez uns wieder aufweckte. Nunez startete überheblich, musste aber schmerzhaft lernen, dass Herrera das bessere Mittel hatte. Der Kampf lieferte dann noch den wohl kuriosesten Moment des Abends: Der Referee wollte dazwischengehen, verlor das Gleichgewicht und fiel wie ein gefällter Baum um. Der Mann tat uns sehr leid, aber er rappelte sich schnell auf und traf die einzig richtige Entscheidung: Das Aus für Nunez.
Ein kurzes Fragezeichen hinterließ der Kampf von Nelson Birchall, der plötzlich wie aus dem Nichts auf der Card auftauchte. Eine klassische „Frank Warren“-Entscheidung, um einen Schützling noch schnell medial zu platzieren? Es hatte diesen Beigeschmack. Wer zahlt, bestimmt die Musik.
Das Drama vor dem Sturm: Shala vs. Milas
Dann wurde es ernst. Granit Shala gegen Petar Milas. Shala arbeitete unermüdlich, angefeuert von „Granit“-Rufen, und führte lange Zeit. Doch Milas gefiel uns fast besser: Er wirkte abgezockt, sparte Körner und schien nur darauf zu warten, den Sack zuzumachen. Und genau so kam es: In der letzten Runde schickte er Shala auf die Bretter. Ein bitteres Ende für Shala, aber Milas war über die Distanz einfach eine Klasse für sich. Ein echtes Highlight.
Der Hauptkampf: Ein kurdisches Feuerwerk als Weckruf für das deutsche Boxen?
Was dann folgte, lässt sich kaum in Worte fassen. Der Lärmpegel explodierte. Damian Knyba wurde gnadenlos ausgebuht, was ihn sichtlich beeindruckte und hemmte. Und dann kam Agit Kabayel.
Sein Auftritt glich dem eines Volkshelden. Die Halle war fest in der Hand seiner Fans und man muss an dieser Stelle neidlos anerkennen, welche Wucht diese Community entfalten kann. Hier ging es spürbar um mehr als nur um einen sportlichen Wettkampf um Punkte oder Gürtel. Es war Identifikation, Kultur und Stolz, verschmolzen in einer Person. Agit nutzte diese Energie perfekt. Nach einer nervösen ersten Runde dominierte er das Geschehen und führte nicht nur sich, sondern die gesamte kurdische Community zum Sieg.
Beim Betrachten der Ränge kam uns dabei ein Gedanke, der weit über diesen Abend hinausgeht. Wir warten in Deutschland seit mehr als zehn Jahren auf die Wiederbelebung des großen Boxsports. Vielleicht müssen wir uns eingestehen, dass genau dieses „kurdische Boxen“ der Funke ist, auf den wir gewartet haben. Die Leidenschaft, mit der Agit gefeiert wurde, erinnerte an die großen Zeiten des Sports, nur eben mit einer neuen, anderen kulturellen Färbung.
Es war beeindruckend zu sehen, wie frenetisch diese Gemeinschaft den Abend dominierte und zu einem Heimspiel machte. Ist das die Zukunft? Ist diese emotionale Bindung der Treibstoff, der nötig ist, um Hallen wieder zu füllen und ein Feuerwerk im deutschen Boxen zu zünden? Nach gestern Abend würden wir sagen: Ja. Agit Kabayel ist das Gesicht dieser Bewegung, die bereit ist, Türen zu öffnen, vielleicht sogar für einen Kampf gegen Usyk.
Unser Fazit
Trotz der Kälte und des Ärgers am Einlass: Dieser Abend war ein wahrhaftes Erlebnis, das man als Box-Fan gemacht haben muss. Anders lässt sich das nicht beschreiben. Die technische Show mit Licht und Musik war auf internationalem Niveau, aber es war einzig und allein die Atmosphäre, die im Kopf hängen blieb. DAS WAR BOXEN, wie es sein sollte: Packend in allen Belangen.
Wir gratulieren Agit Kabayel für das, was ihm gelungen ist und hoffen, dass er das Feuer des Boxens weiterhin hochhalten kann. Den Kurden gratulieren wir ebenfalls; sie haben mit Agit jemanden, der seiner Aufgabe gerecht wird und es allemal wert ist, unterstützt zu werden. Darüber hinaus freuen wir uns für die deutsche Boxwelt! Wir brauchen das!
Wir sind uns sicher: Die Gyms in Deutschland, auch unseres (VON DONAU GYM in Düsseldorf-Oberbilk), dürfen sich in den kommenden Monaten über neue, junge Mitglieder freuen, die genau von dieser Energie angesteckt werden.